Texte

Visitationsansprache in Stephanus am 09.04.2017

Liebe Schwestern und Brüder der Stephanusgemeinde,
„Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“

Mit der Tageslosung aus dem Jesajabuch grüße ich Sie ganz herzlich am Ende der Visitation hier in ihrer Gemeinde. In den vergangenen Tagen hat mich mein Weg oft hierher in ihre Gemeinde geführt. Da habe ich sehr viel gesehen, was mich mit großer Freude erfüllt hat. Sie sind eine lebendige Gemeinde, die aus Gottes Wort Trost, Orientierung und Halt bezieht und deren Mittelpunkt genau hier ist: im Gottesdienst. So soll es sein! Das ist allen Dankes und aller Freude wert. Dank an die, die sich hier in ihrer Gemeinde in ganz vielfältiger Weise einsetzen: Der Kirchenvorstand, der seine schwierige Leitungsaufgabe mit viel Engagement umsetzt. Ein Pastor, der seinen Dienst als Berufung versteht und sich über die Maßen für seine Gemeinde einsetzt. Berufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht nur einen Job machen, sondern sich mit ihrer ganzen Person einbringen. Und vor allem: Ehrenamtliche, die mit großer Leidenschaft für Stephanus da sind, ihre Zeit, ihre Gedanken, ihren Glauben, hier für andere einsetzen. Nur so kann ihre Gemeinde sein, was sie ist: eine Gemeinschaft der Glaubenden, die lebendig miteinander Christinnen und Christen sind. Da ist viel Wasser für dürre Seelen. Also: Dank ihnen allen, die sie mit ihren Mitteln, ihrer Zeit, ihrem Glauben helfen, dass Stephanus so besonders ist.

Wie das so ist in einer lebendigen Familie, ist da natürlich nicht nur eitel Sonnenschein. Es gibt sehr unterschiedliche Wahrnehmungen, was die Zukunft der Gebäude angeht. Ein großes Thema, das manche Gemüter bewegt. Daran hängt die Frage der Zukunft. Wie wollen und können wir Kirche sein, wenn immer weniger Menschen zur Gemeinde gehören, wenn die finanziellen Zuweisungen immer weniger werden? Der Kirchenvorstand stellt sich diesen Fragen sehr besonnen und nüchtern. Das finde ich beachtlich, denn die Begleitgeräusche in der Gemeinde sind manchmal auch recht schrill. Die Frage, wie Gemeindeglieder in Entscheidungen einbezogen werden, wird heftig diskutiert.

Ich möchte daran erinnern, dass im Kirchenvorstand gewählte Mitglieder dieser Gemeinde sitzen, die genau das Mandat von der Gemeinde haben, über die wichtige Strukturfragen zu entscheiden. Wie sie dabei die Gemeinde informieren, mit auf den Weg nehmen und einbeziehen, diese Fragen sind dem Kirchenvorstand sehr bewusst. Ich bitte da einfach auch um ein Stück Vertrauen in die Arbeit ihres Leitungsgremiums. Dass es dabei inhaltlich verschiedene Meinungen gibt, die manchmal auch ganz auseinandergehen, ist normal.

Für mich ist die Frage wichtig, wie es in Stephanus gelingt, die im Blick zu haben, die nicht so aktiv in ihr Gemeindeleben einbezogen sind. Eine Gemeinde mit über 3000 Gemeindegliedern besteht auch aus einer großen Mehrheit von Menschen, die hier selten oder nie im Gemeindehaus und der Kirche auftauchen. Wie können Sie diese Menschen im Blick behalten und für sie da sein? Ich habe darauf keine Antwort, möchte sie aber bitten, diese Frage nicht aus den Augen zu verlieren. Das kann manchmal passieren, wenn wir sehr mit dem Kreis beschäftigt sind, die engagiert in der Mitte der Gemeinde stehen. In der Losung ist von dem Durstigen und Dürren die Rede. Ich glaube bestimmt, dass es aus unserem Glauben heraus genügend Quellen anzuzapfen gibt, die auch den Menschen gezeigt werden können und müssen, die von sich aus vielleicht nie kommen werden. Da wird es darauf ankommen, dass die vielen Aktiven und Verbundenen dieser Gemeinde nicht sich selbst genug sind.

Eine Quelle soll für alle da sein. Sie haben eine wunderbare Kindertagesstätte, in der täglich der Kontakt zu Menschen da ist, die eher am Rand dieser Gemeinde stehen. Ja, auch mit Menschen aus ihrer Nachbargemeinde und natürlich mit vielen Menschen, die gar nicht zu einer christlichen Gemeinde gehören. Ich denke, dass diese Arbeit der Kindertagesstätte viel stärker in den Mittelpunkt von Stephanus gehört.

In Berenbostel leben ungefähr 15000 Menschen, von denen nur ein Drittel zu einer der beiden evangelischen Gemeinden gehört. Ich finde, auch da müsste in Zukunft spürbarer werden, dass es gemeinsame Aufgabe der beiden Gemeinden ist, für diese Menschen da zu sein. Sie mit hinein zu nehmen in die Kraftquelle, von der wir glauben, dass sie uns in Christus offenbart worden ist, darauf muss die Arbeit in unseren Gemeinden ausgerichtet sein.

Es ist nichts damit gewonnen, sich von anderen abzugrenzen oder zu beschreiben, was in einer Gemeinde anders oder gar besser sei als in einer anderen. Letztlich kann es nie darum gehen, etwas für die Stephanusgemeinde zu tun oder für eine andere Gemeinde, sondern als Christinnen und Christen müssen wir uns daran messen lassen, ob wir Gott die Ehre geben, ob wir in seinem Geist handeln und leben. Und viel stärker als je zuvor sind wird gefordert, unsere Zuversicht erkennbar sein zu lassen. Salz der Erde zu sein oder Sauerteig wie Jesus das so wunderbar beschreibt – darauf kommt es an. Als Christin und Christ bewusst leben, das kann sehr unterschiedlich gestaltet werden. Da gibt es auch Menschen, die das eventuell sogar ganz anders für sich auslegen als wir uns das im traditionellen Sinn vorstellen oder gar wünschen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen in Stephanus, dass sie weiter um den richtigen Weg ringen und es gelingt, für möglichst viele Menschen ein Ort der Kraft und der Erfrischung zu werden. Ein Ort, an dem die Quelle des Lebens zu spüren ist. Oder, um es mit dem Bild aus der Predigt zu fassen: ein Ort, von dem ein Wohlgeruch ausgeht. Denn wir sind, so sagt es Paulus „für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren werden.“

Amen. 

Karl-Ludwig Schmidt, Superintendent